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ONE STOP REAL ESTATE
Ausgabe 10 / Mai 2010

Koh Samui ließ ihn nicht mehr los…

Traumstrände, Traumtemperaturen, Traummädchen – drei Attribute, die schon viele Männer auf ihrer Trauminsel um den Verstand gebracht haben. Einer von ihnen war der Schweizer Andreas N. (41). Der Thurgauer kam Ende November letzen Jahres nach Koh Samui. Nach fünf Monaten war für ihn das schönste Abenteuer seines Lebens jäh beendet. Mit seinem Honda-Chopper knallte Andi um 5 Uhr morgens auf der Heimfahrt in Lamai gegen eine Mauer und dann gegen einen Betonpfeiler. Tödliches Ende eines monatelangen Lebens auf der Überholspur. Der sympathische Schweizer hatte wie viele Urlauber zuvor eine Hauptregel nicht beachtet: Das Leben im Paradies birgt mehr Gefahren als das Leben in der Heimat.

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Andis letzte Fahrt – mit Vollgas in den Tod

Das traurige Ende eines Schweizer Langzeiturlaubers auf Koh Samui

Bergung des Motorradwracks vier Tage nach dem Unfall. Freunde von Andi und Schaulustige stehen an der Lamai Hauptstraße am Biogemüse-Center. Dort streifte das Motorrad eine Wand, prallte auf den Betonpfosten und überschlug sich dann in einen Wassergraben.

„Manche würden sich viel Leid ersparen, wenn sie nur rechtzeitig die Heimreise anträten…“ Auf Andreas N. aus Berg im Thurgau passte dieser Ratschlag einer deutschen Botschaftsmitarbeiterin. Er hatte nur keine Zeit mehr, ihn zu berücksichtigen. Der Tod kam ihm zuvor. Ausgerechnet in der fröhlichsten Phase seines Lebens trat das Schicksal auf die Vollbremse. Andi wurde seine Liebe zum schnellen Motorradfahren zum Verhängnis. Am 19. April um 5 Uhr früh verlor er die Herrschaft über seine Honda Steed. Den Aufprall überlebte der begeisterte Thailandurlauber nicht.

Betroffen stehen Freunde von Andi noch Tage nach dem tödlichen Unfall an der Hauptstraße in Lamai, nur wenige hundert Meter vom Tempel entfernt. An einer langgezogenen Rechtskurve, gleich hinter dem früheren Honda Shop, prallte Andi mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Mauer und dann gegen einen Strommast.

Die Polizei vermerkte nüchtern in ihrem Bericht: zu schnell gefahren, noch an der Unfallstelle verstorben, keine Fremdeinwirkung und keine weiteren Beteiligten. Das total demolierte Motorrad konnte erst Tage darauf aus einem zwei Meter tiefen Wassergraben geborgen werden. Es hatte sich während des Unfalles überschlagen und war dann in der Senke verschwunden.

Rase nicht so! – Kein Problem für mich…

So nüchtern wie der Bericht der Lamai-Polizei scheint Andi N. nicht immer gewesen zu sein. Seit Wochen hatte er mit wechselnden Freunden und Bekannten das samuianische. Nachtleben bis in den Sonnenaufgang hinein gefeiert. Der lebenslustige und stets zum Scherzen aufgelegte Thurgauer liebte die Frauen und den „Sanuk“ – so nennen die Thais das Vergnügen und die Partys. Noch mehr aber liebte er sein Motorrad. Einen Chopper, Marke Honda Steed, mit offenen Auspuffrohren und einem kernigen Klang. Den nahm er überall mit hin. Er war wie ein zweites Markenzeichen. Andi sah man nicht kommen, man hörte ihn.

Fast täglich mahnten die Vernünftigen unter seinen Wegbegleitern, nicht so am Gashahn zu drehen, wenn er über Lamais Straßen bretterte. „Kein Problem“, pflegte Andi dann zu sagen, „das habe ich alles im Griff.“

Nach fünf Monaten war der Lack ab

Der stämmige, 1,82 Meter große Schweizer ließ sich auch bei seinen diversen Alkoholtouren ungern den Verschluss auf die Flasche setzen. Andi konnte einen gehörigen „Stiefel“ ab. Selbst nach durchzechten Nächten nahm er in seinen Stammkneipen frühmorgens noch den Absackerdrink und fuhr erst dann unbehelligt nach Hause in seine Langzeitresidenz am Rande Lamais.

Dass bei Andreas N. nach fünf Monaten Thailandurlaub nicht mehr alles Gold war, was glänzte, konnten die Freunde sehen, die ihm öfter ins Gewissen redeten. Sein Visum war fällig. Die Gültigkeit seines provisorischen Reisepasses ließ eine weitere mehrmonatige Verlängerung gar nicht mehr zu. „Ich dachte, der Andi geht Ende April nach Hause“, sagt ein Hotelier aus Lamai, bei dem der 41-Jährige im Dezember mehrere Wochen gewohnt hatte. Offensichtlich verfolgte dieser aber im Frühjahr 2010 andere Pläne.

Ans Leben in Thailand hatte sich Andreas N. gewöhnt. Es gefiel ihm. Verpflichtungen in der Heimat rückten in den Hintergrund. Andi plante seine Zukunft neu und merkte nicht, dass er sich selbst etwas vormachte. Mit abenteuerlichen Projekten, wie einer Hausverlosungs-Lotterie, glaubte er an eine neue Existenzgrundlage. Ideen hatte der umtriebige Computerfachmann viele. Oft zog er seinen Laptop aus der Satteltasche seiner Honda und demonstrierte bei seinen Kneipenbesuchen, was er so alles in petto hatte.

Noch im November und Dezember hatten die Thaimädchen an den Bars den gut gekleideten und seriös auftretenden Schweizer für einen erfolgreichen Geschäftsmann gehalten. Andis Bekleidungsstil hob sich deutlich von anderen ab. Bundfaltenhose, stets ein frisch gebügeltes Hemd, schwarze Halbschuhe. Mit seiner fröhlichen Art wickelte er Samuis Damenwelt um den Finger. Die Frauen mochten ihn, und er mochte sie. Nicht selten hatte Andi N. gleich mehrere Thaidamen im Schlepptau und zeigte sich bei der Bewirtung spendabel.

Wie es tief drinnen in ihm aussah, war schwer auszumachen. In den letzten Wochen saß der Schweizer häufig in sich versunken da und grübelte. An die Stelle der schicken langen Hose waren kunterbunte Bermudashorts getreten. Seine Hemden sahen nicht mehr gebügelt aus. Auch die Schuhe hatten bessere Tage gesehen und waren vom monatelangen Laufen in Staub und Sand zerschlissen. „Dem Andi konnte man richtig ansehen, dass es langsam mit ihm abwärts ging. Er hat irgendwie den Sinn für die Realitäten verloren“, sagt ein deutscher Freund, mit dem er so manche Nacht durchzechte.

Nichtheimgeh-Virus übernahm die Regie

Den Übergang vom unbeschwerten Urlauber zum risikobehafteten Residenten vollzog Andi N., ohne dass es ihm selbst aufgefallen wäre. Plötzlich war vieles Alltag. Die Partys, die Mädchen, immer das gleiche Programm und die gleichen Gesichter. Irgendwie schien der bärtige Thurgauer das gemerkt zu haben. Manchmal sprach er leise von Abschied und Rückreise. Dann wieder von neuen Projekten. Dabei hatte ihn längst ein gefährlicher Bazillus befallen – der „Nichtheimgehwollen-Virus“.

Auswanderer in Thailand, die genauer hinschauen und weniger ins Glas, die wissen, dass dieser Virus fatal sein kann. Er ersetzt Vernunft durch Risikobereitschaft, wenige Freunde durch viele Bekannte und eine solide Lebensführung durch den Rausch in allen Lebenslagen. Es ist eine Mischung, die viele alles kostet, was sie haben. Und manche auch mehr.

Wie die weitere Planung Andis ausgesehen hätte, wird im Dunkeln bleiben. Andreas N., geboren am 6. September 1968 in Berg im Thurgau, ist auf Koh Samui am 19. April 2010 gestorben. Thailand hat ihn wirklich nicht mehr losgelassen.

Sam Gruber

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