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ONE STOP REAL ESTATE
Ausgabe 01 / Januar 2006

Schattenmorellen statt Rinderroulade

Jomtien: das hässliche Entlein ist so schick geworden

Von Hans Fritschi

Wäre Jomtien im exakten Europa, könnte man sich sicherlich irgendwo einen sehr genauen Führer kaufen, der erklärt, um was es sich dabei handelt: “Jomtien, im Süd-Osten des thailändischen Badeorts Pattaya gelegen, liegt auf 0 bis 15 Metern über Meer. Schnee ist hier völlig unbekannt. Jomtien umfasst eine gesamte Fläche von 37.25 Quadratkilometern und hat 21311 Einwohner.”

Wenn wir hingegen sagen wollen, was Jomtien genau ist, dann haben wir es ungemein viel schwerer. Wer lebt hier? Statistiken sind Mangelware. Wo fängt Jomtien an, wo hört Jomtien auf? Letzteres ist wohl einfacher zu beantworten: Am Ende des Strandes, beim Restaurant Lung Saway hört Jomtien auf, danach heisst das Ding Na Jomtien. Doch der Anfang? An der Thappraya Road? Auf dem Hügel beim günstigen Italiener? Spaghetti 80 Baht. Übrigens neu erhöht auf 90 Baht oder 12.5 % teurer. Oder bei Brunos Restaurant? Oder an der Einmündung der Thepprasit Road? Gehört der Dongtan Strand zu Jomtien, oder ist das ein eigenständiger Strand, dem Jomtien nichts drein zu reden hat?

Strand! Jomtien ist - oder war - primär ein Strand. Als nämlich die Bucht von Pattaya so verschmutzt war, dass keine Sau mehr darin schwimmen konnte, zogen Pattayas Touristen und Bewohner tagsüber hinaus über den Hügel nach Jomtien. Der Schreibende, der nun gut 10 Jahre im Lotterstädtchen lebt, tat es den andern nach. Nachts im Zentrum der Stadt, zu allerlei Nachaktivitäten, tagsüber am Strand zur Pflege des Katers. Miau. Und zur Bräunung des Teints.

Jomtien war damals keineswegs so geschleckt wie heute. Der Jomtien Complex, beispielsweise, war damals noch fest in der Hand der streunenden Hunde. Jeder kleinere oder grössere Regen schwemmte die unbefestigte Dreckstrasse bei der Poizeibox Richtung Dongtan Strand weg, so dass sowohl die Automobilisten wie auch die Motorradfahrer nur zu Fuss zu ihrem liebsten Liegestuhlvermieter gelangen konnten. Doch meist konnte man schon fahren. Sowohl Autos als auch Motorräder stellte man irgendwo direkt hinter den Liegestühlen ab. Der Schreibende parkte - aus prinzipiellen Überlegungen - anfangs bei der Polizeibox und ging zu Fuss bis zu seinem Liegestuhlvermieter. Da er aber fast der einzige war, gab er es allmählich auf und fuhr auch wie der Rest aller Jomtien Besucher. Wie viel besser ist das heute! Der motorisierte Individualverkehr ist verbannt, WCs und ein Gehweg wurden gebaut und Palmen gepflanzt. Die Fernseher sind - zum Glück - meist ausser Betrieb, wahrscheinlich kaputt. Das ist ein guter thailändischer Kompromiss: Jemand konnte bei der Anschaffung etwas verdienen, und die Strandbesucher werden dennoch nicht gestört.

Damals gab es an der Ecke bei der Polizeibox (rechts in Richtung Strand) einen offensichtlich deutschen Wirt. Jahr ein, Jahr aus pries der auf einer Tafel seine “Rinderroulade” an. Jeden Tag des Jahres hätte man am Jomtien Strand deutsche Rinderroulade essen können. Für diesen Wirt war seine Rinderroulade offenbar gleichbedeutend mit Glück. Die Tropen von Jomtien - so vermute ich, dachte dieser Wirt - sind ja ganz nett, aber ohne Rinderroulade fehlt ihnen eben doch das gewisse etwas. Der Schreibende hat selbstverständlich NIE Rinderroulade reingezogen. Und der erfolglose Wirt ist schliesslich ebenso spurlos verschwunden wie seine überflüssige Rinderroulade. RIP.

Und dann wurde View Talay 1 gebaut. Das Konzept war bestechend simpel und überaus erfolgreich. Man baue in der Mitte des Gebäudes ein paar Lifts, links und rechts davon Korridore je mit so genannten Wohneinheiten auf beiden Seiten des Korridors. Also ganz ähnlich wie Legebatterien. Günstiger Wohnraum in grossen Mengen entstand so in kürzester Zeit. Die Minibalkone konnten bequem die Kompressoren der Klimageräte aufnehmen und boten auf der einen Seite des Gebäudes sogar etwas Seesicht. (Zumindest bis zum nächsten Projekt, das dann diese Seesicht immer mehr einschränkte und schliesslich erfolgreich zum Verschwinden brachte.) Die Käufer konnten verschiedene Einheiten - auch roh als Rohling bezeichnet - kombinieren und so genau dasjenige Heim realisieren, das sie sich leisten konnten.

View Talay 2, noch klarer im Herzen von Jomtien positioniert, war ein noch grösserer Erfolg. Die Einheiten hier schon etwas grösser und teurer. Bei View Talay 5 (gegenwärtig noch im Bau, aber kurz vor der “Vollendung”) war das erfolgreiche Muster wiederum dasselbe, nur waren die Einheiten noch etwas grösser und noch etwas teuerer, da erste Reihe. Hier dürfte es zudem beinahe unmöglich sein, die Aussicht noch zu verbauen, aber man wird ja sehen. Die Einheiten von View Talay 5 wurden noch auf dem Reisbrett gekauft und zum Teil mehrfach weiter verkauft. (Innert Tagen waren die belieten Eckeinheiten des kürzlich neu lancierten View Talay 7 weg.) Inzwischen hatte sich nämlich der Bauboom, der sich 1997 verabschiedet und einer grossen Krise Platz gemacht hatte, zurückgemeldet und seither wird in Jomtien dem Teufel ein Ohr abgebaut. Wann und ob die Blase platzt, weiss niemand zu sagen. Der Bauboom, der ja in ganz Pattaya ausgebrochen ist, ist in Jomtien wohl am heftigsten.

Das boomende Jomtien war plötzlich in. Es gab hier nun auch am Abend Leute mit Kaufkraft. Die Schwulendichte in Jomtien ist wohl eine der höchsten der Welt, allein das bedeutet Kaufkraft. Brunos Restaurant zog vom Norden nach Jomtien, eine Adelung des vormals hässlichen Entleins. Pan Pan wurde schick renoviert. Im Jomtien Complex gehören streunende Hunde mittlerweile schon fast zu gefährdeten Tierarten. Die Preise der Liegenschaften, die zum Verkauf stehen oder standen, haben sich in wenigen Jahren verdreifacht. Schicke Bars, Restaurants und Boutique Hotels entstanden. Kürzlich wurde im Jomtien Complex das Parkhaus eröffnet, das vorher immer zu war. Ein Zeichen der Zeit.

Jomtien verfügt über einen KFC, unzählige 7/11, Family Marts und eine Bookazine Buchhandlung. Sogar die Hochkultur hat demnach hier Einzug gehalten. Eben habe ich den neusten Harry Potter auf DVD für 100 Baht von einem fliegenden Händler gekauft. Auch über einen anständigen Supermarkt verfügt Jomtien seit einiger Zeit. Im FOODMART findet der Farang, was sein Herz begehrt. Hervorragendes Brot, Weine aller Art und sogar Schattenmorellen von Stollenwerk in Gläser verpackt haben den Weg nach Jomtien gefunden. Da kann man heutzutage in Jomtien also auf dem eigenen Balkon nach dem Sonnenbad heisse Schattenmorellen mit Vanilleeis geniessen.

Jomtien hat es weit gebracht.

Stadtteile von Pattaya

Pattaya ist in den vergangenen Jahren extrem gewachsen und besteht mittlerweile aus mehreren Stadtteilen oder Quartieren. In einer Mini-Serie stellen wir die verschiedenen Stadtteile vor und beschreiben, was typisch ist für sie. In der heutigen Folge befassen wir uns mit Jomtien.

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